2.2 Europa im
Mittelalter
Die
Quellen:
Quellen zur Metrologie finden
sich in großer Zahl. Hervorzuheben sind die in der Regel sehr
präzisen
Aufzeichnungen und Urkunden der Notare, in denen Mengen und
Maßangaben,
wie die Größe eines Grundstückes oder die Ausmaße
eines Gutes, eine
besondere Rolle spielten. Man kann aus ihnen meistens nur punktuelle
Einsichten erlangen. Manchmal ist aber auch ein lokales Maßsystem
erkennbar. Auch die Rechnungsbücher der Kaufleute bieten
reichhaltiges
metrologisches Quellenmaterial. Durch die aufgezeichneten
Rechenoperationen lässt sich die numerische Architektur eines
Systems
erschließen, d. h. es wird z.B. deutlich, wie viele Unzen auf ein
Pfund
gingen und welche Grundzahl genommen wurde.
Für eine systematischere
Analyse
sind
Kaufmannsmanuale oder "Reductionstabellen" sehr ergiebig, die Anfang
des 13. Jahrhunderts auftauchen und bis zum 19. Jahrhundert gedruckt
wurden. Zuerst kamen sie im Mittelmeerraum auf und wurden kurz darauf
auch in Mittelnordeuropa verwendet. In diesen Büchern werden
Maßäquivalente der entsprechenden Handelsgegenden
wiedergegeben.
Auch
fanden sich stets eine Reihe von Übungsaufgaben, mit denen der
angehende Kaufmann das Rechnen mit den unterschiedlichen Maßen
und
Gewichten üben konnte.
Auch in den gerichtlichen Archiven
gab es eine Vielzahl von
Prozessakten und Gerichtsurteilen in Fällen, in denen jemand gegen
das
Normalgewicht verstoßen hat. In der Regel wurden harte Strafen
für
solche Vergehen verhängt. Des Weiteren sind architektonische
Abhandlungen und Abhandlungen über die Artillerie wichtige
Quellen.
Ebenso können die Kartularien der Klöster für
metrologische
Untersuchungen herangezogen werden. Interessanterweise werden hier die
Einkünfte oft in zu erzeugende Brote umgerechnet. In einer
Mangelwirtschaft, die wissen musste, wie viele Menschen mit den
vorhandenen Mitteln ernährt werden konnten ist dies eine
einleuchtende
Vorgehensweise.
Das Maßwesen
in Europa:
Im
mittelalterlichen Europa gab es eine Vielzahl von
Maßen und
Gewichten. Es wurde in Elle, Fuß, Spanne, Klafter und Finger
gemessen,
um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Die Verwirrung
steigert
sich noch dadurch, dass eine Größe oft auch noch
unterschiedliche Namen
hatte oder eine Bezeichnung unterschiedliche Größen
umfasste. (Der
Grund für Letzteres war oft, dass Einheiten mit
Nährungswerten
übertragen wurden und deshalb Einheiten gleichen Namens
unterschiedlich
groß waren. Es gibt z.B. Kölner Mark von 229 g bis 235 g.)
Es ist
unnötig zu erwähnen, dass die Einheiten regional
unterschiedlich groß
waren. Ein Fuß in Hamburg war nicht mit dem Fuß in
Lüneburg identisch.
Oft haben sich auch Größen mit der Zeit verändert, so
dass bei einer
Umsetzung in das metrische System Ort und Zeit beachtet werden
müssen.
Umrechnungsprobleme beschäftigen
uns
nicht nur heute, sondern auch im Mittelalter (und in der Neuzeit bis
zur Einführung des metrischen Systems) musste der Kaufmann, da er
in
der Regel eine Rechnung bekam, in der die Werte in Lokalmaß
angegeben
waren, beträchtliche Energie auf die Überprüfung der
Maße und Gewichte
verwenden. Auch der König musste überprüfen, ob die
rechte Anzahl an
Abgaben, die in Naturalien geleistet wurden, abgeliefert wurde. Ein
Beispiel soll die Vielzahl der Maße verdeutlichen. Am Ende des
13.
Jahrhunderts wurden im Gebiet der heutigen Picardie und dem Gebiet bei
Calais die lokalen Maße von 113 Ortschaften untersucht. Es wurden
hier
57 verschiedene Muid für
Getreide
benutzt, deren Wert zwischen 239
und 1571 kg lag.
Die Vielzahl an Maßen
und
Gewichten
ist im römisch-deutschen Reich noch vielfältiger gewesen als
in
Frankreich. Im fränkischen Reich wurden erst noch die
Maße und Gewichte des Römischen Reiches übernommen.
Karl der Große wagte 789 die
einzige
Reform des Messwesens und verordnete die Verwendung gleicher Maße
und
Gewichte. Er
führte u.a. das Karlspfund (pondus caroli) ein. Die Ordnung blieb
aber
nicht von langer Dauer. Der
Umstand, dass viele Städte über eigene Maße und
Gewichte verfügten, lässt sich darauf zurückführen,
dass nach dem Niedergang des Karolinger Reiches die Regalien vom
König mehr und mehr lokalen Herrschern übertragen wurden. Mit
der Übertragung des Marktrechtes wurde auch
immer das
Recht gewährt, über Maß und Gewicht zu bestimmen. Die
Renaissance der Städte und die des Handels
führte zu einem Machtzuwachs der Städte, die die Funktion der
Maße und Gewichte zu einer Ausweitung des Handels nutzen wollten.
Die in der Stadt gebräuchlichen Maße und Gewichte wurden auf
die eigene Einflusszone ausgeweitet. Aber auch in der Einflusszone
bestand Interesse an den Maßen und Gewichten des nächsten
Handelszentrums. Man war damit an das lokale Netz des Warenaustauschs
angeschlossen und versuchte so etwas von der städtischen Dynamik
zu erlangen. Maßvereinheitlichungen
wurden auf dem Territorium des Deutschen Ordens (ab 1307) und den
Gebieten der Ostsiedlung erstrebt. Danach wurden erst im 16.
Jahrhundert wieder neue Versuche unternommen. Harald
Witthöft hat
die These aufgestellt, dass das mittelalterliche Maßwesen logisch
strukturiert und sehr präzise war und sich alle späteren
regionalen und
lokalen Differenzierungen bzw. Vereinheitlichungen systemimmanent
vollzogen hätten.
Auch in Frankreich hatte man
sich mit
der Zeit vom fränkischen Einheitsprogramm entfernt. Münze,
Gewicht und
Maße waren königliche Regalien. Der König intervenierte
in seinem
Herrschaftsbereich aber weniger um in die wirtschaftliche Entwicklung
einzugreifen als vielmehr um sich als gerechter König
darzustellen,
der seine Untertanen schützt und Gerechtigkeit garantiert. Vereinheitlichungen gab es in
Frankreich kaum, sondern eher lokale Angleichungen. Dennoch war beim
König eine Art Ordnungswille zu erkennen, da er u.a. versuchte,
den Pariser Maßen weitere Geltung zu verschaffen.
Es ist außerdem noch zu
erwähnen,
dass in einer Stadt nicht nur ein Gewicht zum Wiegen genutzt wurde,
sondern warenspezifische Gewichte. Daher kam es, dass in einer
Stadt mit unterschiedlichen Pfund gemessen wurde. Um kostbare Metalle
zu wiegen,
wurden in der Regel nicht Pfund, sondern feinere Einheiten, wie Mark,
Unzen und Karat, die aber nur Unterteilungen des Pfundes waren,
genommen. Nach
Jean-Claude Hocquet zeigt sich in dieser Zerstückelung der
Gewichte in die
unterschiedlichen Pfunde die Verlangsamung der Handelsgeschäfte -
die Güter, die nicht mehr im Handel zirkulierten, brauchten auch
nicht mehr verglichen zu werden - und die Macht der lokalen
Herrschaften. In Venedig gab es immerhin 8 Gewichte, von denen 5 (u.a.
für pharmazeutische Produkte, Seide, Mehl) für den internen
Gebrauch bestimmt und 3 für den externen Handel bestimmt waren.
Für den externen Handel nahm man das Pariser Markgewicht, für
Gewürze das leichte Pfund und für Schwergüter das
schwere Pfund.
Ein weiteres Problem bei der
Umrechnung von Maßangaben in metrische Maße ist, ob die
Angaben gehäuft
oder gestrichen berechnet wurden. Grundzinsen wurden wohl gehäuft
verlangt. Oft kam es vor, dass danach ein Maß geschaffen wurde,
in dem
die Abgaben gestrichen gepasst haben. Bald danach wurde aber das neue
Maß gehäuft verlangt, so dass nicht nur die Abgaben
sukzessive erhöht
wurden, sondern sich auch das Maß stetig veränderte.
Ausgewählte Werte
der Systeme wurden auch
für den
praktischen Gebrauch als Maßstäbe und Maßgewichte real
gefertigt. Eine deutliche Steigerung in der
Produktion ist seit dem 13. Jahrhundert zu erkennen.
Regensburg:
Maßstäbe für Klafter, Schuh und Elle.
München als
Beispiel für
die Ausübung des Maß- und Gewichtsrechts:
In der Mitte des 12. Jahrhunderts
forderten und erhielten die Städte vielfach das Marktrecht und
damit
das Maß- und Gewichtsrecht. Der Rat sorgte dann für die
Richtigkeit der
benutzten Maße. Bei Verstößen drohten harte Strafen.
Im Rathaus wurden
dann üblicherweise die Normalmaße ("Fronmaß") und
Normalgewichte
aufbewahrt, mit denen die in der Stadt gebrauchten Maße und
Gewichte
geeicht werden mussten. Die Eichung nahmen Stadtbeauftragte vor und
vierteljährlich wurden alle privaten Messgeräte auf die
korrekte "Eich"
(= Richtigkeit) und das Vorhandensein des Fronzeichens
überprüft. Neben
dieser präventiven Kontrolle gab es auch die tägliche
Kontrolle für den
Kleinhandel auf dem Markt durch "Anwieger" und "Angießer".
Güter, die
im Großhandel umgesetzt wurden, mussten an der Stadtwaage durch
den
Waagmeister gewogen werden. Für die unterschiedlichen Waren
gab es
entsprechende "Messer". Salzmesser waren für die Salzmessung
zuständig
usw. Für diese Dienste wurden Gebühren gegen Quittung
erhoben. Sollte
die Ware ausgeführt werden, musste die Quittung am Stadttor
vorgezeigt
werden. Diese Ordnung blieb im wesentlichen bis zum Ende des 17.
Jahrhunderts erhalten.
Lübecker
Eichgewichte für
Schiffspfund:
Lübecker
Roggenscheffel:
Ein Blick auf
England:
In England verfügte Richard
Löwenherz schon 1189, dass in
seinem Reich nur ein Gewicht und eine Länge gelten sollen. Die
Gewichte sollten für alle identisch sein, und als
Längenmaß wurde das Yard (= 12 Zoll) bestimmt. Der
König kümmerte sich um die Maße für die
wichtigsten Waren wie Brot, Wein, Bier und Textilien. Er nahm
damit seine Untertanen unter seinen Schutz. Dies zeigte sich auch in
einem System, welches viele Nachahmer fand: Das Gewicht eines Brotes
war
abhängig vom Getreidepreis. War das Getreide teuer, dann konnte
das
Brot weniger wiegen als wenn der Getreidepreis niedrig war. Als
Apothekergewicht und als Gewicht für Brot wurde das
Troy-Pfund zu 21 Unzen verwendet. Für Münzprägungen nahm
man das Tower-Pfund und ein drittes Pfund zu 15 Unzen (in einer
späteren Reform erhöhte man das Pfund auf 16 Unzen) fand
für Zucker und Gewürze Anwendung.