Briefe

Definition und Charakter:
Mit den Briefen wird eine umfangreiche Quellengattung angesprochen, die keiner inhaltlichen Festlegung unterliegt. Briefe sind allgemein die persönliche, private oder geschäftliche Korrespondenz zwischen zwei Personen oder die offizielle Korrespondenz zwischen Vertretern von Institutionen. Damit spielt ähnlich wie bei Urkunden das Verhältnis von Ausstellern und Empfängern eine wichtige Rolle; die Rechtserheblichkeit des Briefes hängt wesentlich von der Person des Ausstellers ab. Besonderen Charakter haben somit Briefe von Herrschern oder Päpsten, die in gewisser Nähe zu Urkunden stehen und zum Teil auch entsprechende Beglaubigungsformen aufweisen (z.B. Siegel, Faltung, Schnüre usw).

Die Formen:
Sonderformen von Briefen finden sich unter anderem
- im diplomatischen Verkehr, d.h. vor und ergänzend zu Verträgen;
- in der Verwaltungstätigkeit, z.B. in Gestalt der "writs" der englischen Könige, die Anweisungen an die königlichen Amtsträger enthalten, oder des päpstlichen "breve", das teilweise als verkürzte Urkundenform, teilweise als Anweisung an kirchliche Amtsträger aufzufassen ist;
- als "offene" Briefe mit publizistischem Charakter, z.B. die Briefe Friedrichs II., die er in seinem Kampf mit dem Papsttum an die europäischen Herrscher richtete, die seine Positionen verdeutlichen sollten;
- in Gestalt der "Brieftraktate" im Humanismus, also der ausführlichen Auseinandersetzung mit Themen der Zeit in Briefform.
Bei der Auswertung muss der Charakter der Briefe mitherangezogen werden.

Für die Form gilt im allgemeinen, dass die Briefe ähnlich wie Urkunden den Regeln der Rhetorik folgen: In der Regel beginnen sie mit einer Anrede und/oder Devotionsformel, dann folgt - sehr oft miteinander vermischt - das, was in der Urkunde als Arenga, Promulgatio, Narratio bezeichnet wird, also die rhetorisch-theologische Begründung des Folgenden, eine Willenserklärung und ein Bericht über die den Brief auslösenden Ereignisse, daran schließt sich die Dispositio der Urkunden an, also der eigentliche Inhalt, der auch bei offiziellen Briefen persönlichen Charakter haben konnte. Den Schluss bilden wiederum allgemeine Bemerkungen, das Datum und ggf. eine Segensformel oder gute Wünsche, z.B. bei Papstbriefen oder Briefen von Abhängigen. Insgesamt ist die Form eines Briefes jedoch offener als die der Urkunden und lässt mehr Raum für eigene Gestaltung.

"Ars dictaminis":
Jedoch erlangten ab dem 12. Jahrhundert die "ars dictaminis" und die "ars dictandi" große Bedeutung. Die "ars dictaminis" wat die Lehre eines guten Prosastils und insbesondere die Lehre von der stilistisch einwandfreien Abfassung von Briefen und Urkunden. Solche Briefsteller wurden als Schreibanleitungen und Mustersammlungen für den Kanzlei- und Schulbetrieb geführt. Meist bestanden sie aus einem theoretischen Teil und einem Beispielteil, der sowohl aus echten Vorlagen als auch aus erfundenen Briefen bestand. In diesen Briefen wurden in der Regel häufig vorkommende Situationen geschildert. (Somit haben die Musterbriefe z.B. für Sozialhistoriker einen großen Quellenwert.) An diesen Vorlagen orientierte man sich in der Praxis zum Teil sehr stark, so dass manchen Briefen der persönliche Charakter abhanden kam und die Benutzung eines Briefstellers durchschien.

Überlieferung:
Briefe sind seltener einzeln, meist in den bereits angesprochenen Sammlungen überliefert - was zweifellos mit den "größeren Überlebenschancen" in diesem Kontext zusammenhängt. Es gibt jedoch für die Form der Überlieferung keine allgemeinen Regeln. Insgesamt sind Briefe

-  zum Teil, vor allem aus dem früheren Mittelalter, als vorbildliche Stilsammlungen im o.a. Sinne überliefert;
- zum Teil wiederum, hier vor allem aus dem späteren Mittelalter, in Registern des Ausstellers, wobei die breiteste Überlieferung aus dem kirchlichen Bereich überlebt hat, etwa in Gestalt der umfangreichen Papstregister, die für das 13. und 14.Jahrhundert durch die Editionen und Regesten der École Française de Rome erschlossen sind. Ebenso lassen sich aber auch weltliche Register finden, etwa in Gestalt der für einige spätmittelalterliche Herrscher erhaltenen Reichsregister;
- zum Teil finden sich jedoch auch Sammlungen von Institutionen oder Familien und Personen, die aus- wie eingehende Briefe enthalten. Private Sammlungen sind dabei die Ausnahme, doch finden sie sich z.B. im spätmittelalterlichen England für drei kleinere Adelsfamilien, die Pastons, Stonors und Plumptons, deren Briefe neben politischen Ereignissen viele Aspekte des Alltagslebens spiegeln.
Oft sind derartige Sammlungen auch nachträglich zusammengestellt und führen damit zu quellenkritischen Problemen.

Wichtige Beispiele für Briefsammlungen sind aus dem früheren Mittelalter vor allem die Briefe des Bonifatius und Alkuins, die Einblick in die Missions-, Kirchen- und Geistesgeschichte des 8. und 9. Jahrhunderts geben. Briefsammlungen kennzeichnen auch das Bild des Investiturstreits, für den z.B. der Codex Udalrici und das Register Gregors VII. heranzuziehen sind. Aus dem 12. Jahrhundert stammen die Briefe Bernhards von Clairvaux und Johannes' von Salisbury, die unter anderem die Kreuzzugsproblematik und die Auseinandersetzungen um den Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket, zeigen. Für die Renaissance sei die Briefsammlung von Petrarca erwähnt.

Quellenwert:
Der Quellenwert von Briefen ist offenkundig. Briefe können nicht nur aufschlussreiche Einblicke in das Denken und Handeln des Ausstellers geben, sondern auch viele Aussagen zu dessen Biographie enthalten. Zuweilen geraten auch Probleme der Zeit, z.B. Aspekte der Kirchen-, Bildungs- und Kulturgeschichte in den Blickpunkt, über die dadurch viele wertvolle Informationen zugänglich werden. Der Charakter der frühmittelalterlichen Briefe ist eher gelehrt und theoretisch, während das Spätmittelalter stärker realitätsbezogene Briefe produzierte, die deshalb besonders für alltags- und sozialgeschichtliche Fragen interessant sind.

Editionen:
Von mittelalterlichen Briefen gibt es nur wenige größere Editionen, z.B. MGH Epistolae. Ansonsten sind nur Einzelbände verfügbar (z.B. als Teil der Rolls Series oder Camden Series zur englischen Geschichte).

Literatur:
- Caenegem, Raoul C. van: Introduction aux sources de l'histoire médiévale. Typologie. Histoire de l'érudition médiévale. Grandes collections.     Sciences auxiliaire. Bibliographie, avec la collaboration de Francois-Louis Ganshof. Luc Jocqué (Hg.) (CCM). Turnhout 1997, S. 81-84.
- Camargo, Martin: Ars dictaminis, ars dictandi (TS 60). Turnhout 1991.
- Constable, Giles: Letters and Letter-Collections (TS 17). Turnhout 1976
- Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte: Mittelalter. Stuttgart 1993. [2. Aufl. 2000], S. 214f.
- Schaller, Hans M.: Ars dictaminis, Ars dictandi, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 1. München und Zürich 1980, Sp. 1034-1039.
- Schmale, Franz-Josef et al.: "Briefe, Briefliteratur, Briefsammlungen, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 2. München und Zürich 1983, Sp. 648-682.
- Quirin, Heinz: Einführung in das Studium der mittelalterlichen Geschichte. Braunschweig 1963 [3. Aufl.].